Neu-Erscheinung: Die verdrängte Pandemie – Linke Stimmen gegen den Pandemierevisionismus

Wir verdrängen die Pandemie. Wir reden nicht darüber, wir schreiben nicht darüber – und schon gar nicht, nie und nimmer verständigen wir uns darüber, was das Verdrängen der Pandemie gesellschaftlich bedeutet.

Das hat sich nun geändert: Am 6. Oktober erschien eines der ersten Bücher, das sich damit beschäftigt, welche Auswirkungen Covid und dessen Verdrängung auf unsere Gesellschaft hat.

Zumindest ist es eines der ersten mir bekannten deutschsprachigen Bücher dazu.

Frédéric Valin, Paul Schuberth (Hg.): Die verdrängte Pandemie – Linke Stimmen gegen den Pandemierevisionismus.

ISBN: 978-3-89771-001-6

Unrast Verlag, 2025.

Wird über die Pandemie gesprochen oder geschrieben, dann fast nur noch in der Vergangenheit. Die Sicht ist klar: die Pandemie ist vorbei, das Leben wieder „normal“.

„Aufarbeitung“ wird meist nur gefordert, wenn es darum geht, die Infektionsschutzmaßnahmen zu kritisieren: Waren die Maßnahmen angemessen? Waren Schulschließungen nötig? Welche Schäden haben Kinder durch Online-Unterricht?

Sprich: Es gibt eine sehr einseitige Sicht auf Aufarbeitung.

Was zu kurz kommt, ist die Frage: Wie viel Infektionsschutz verdienen Menschen? Haben auch Kinder ein Recht geschützt zu werden? Und auch und vor allem die Frage: Ist „Normalität“ mehr wert als das Leben von Menschen?

Hier setzt das Buch an.

Paul Schuberth über Pandemierevisionismus

Das Buch teilt sich in vier Abschnitte: Einordnung, Grundlagen, Anwendungen und Möglichkeiten . In jedem Abschnitt werden in einzelnen Artikeln unterschiedliche Aspekte der Pandemiepolitik und des Verdrängens beleuchtet.

Im Abschnitt Einordnungen schreibt Paul Schuberth Gegen den Pandemierevisionismus. Mit fast 90 Seiten der längste Beitrag des Buches.

Schubert nimmt den Pandemierevisionismus genau unter die Lupe: Er beleuchtet den Autoritarismus, der sich in der der Pandemiepolitik verbirgt. Auch fragt er, welchen Einfluss sozialdarwinistisches und eugenischem Denken hatte und hat und welche Rolle Rassismus und Wissenschaftsfeindlichkeit spielten und spielen. Der Hauptfokus liegt auf den aktuellen gesundheitlichen und sozialen Bedrohungen durch SARS-CoV-2.

Natascha Strobl schreibt über den Hass auf alles Schwache

Im Teil Grundlagen findet sich unter anderem ein Artikel von Natascha Strobl. Sie schreibt über den „Hass auf alles Schwache“ über Sozialdarwinismus als Scharnier zwischen der extremen Rechten, Faschismus und neo-liberalem Marktradikalismus.

„Sozialdarwinismus beschreibt die Idee, dass unproduktive beziehungsweise schwache Mitglieder einer Gemeinschaft kein Anrecht auf Schutz haben oder sogar aktiv beseitigt werden müssen. (…) Schwäche ist im Faschismus nichts Schützenswertes, sondern ein verachtenswerter Zustand. Schwäche ist dementsprechend immer etwas selbst Verursachtes oder genetisch Bedingtes. Das führt dazu, dass sie in dieser Ideologie klar bestimmten Gruppen zuzuordnen ist und so mitsamt diesen Gruppen ausgerottet werden kann.“

Die als schwach definierten Gruppen sind unter anderem chronisch kranke Menschen und Menschen mit Behinderung. Aus neo-liberaler Sicht kommen Frührentner, Alte und alle anderen, die für das Wirtschaftssystem nichts leisten, hinzu.

Wichtig ist beiden Strömungen: Das „Volk“ bzw. „die Wirtschaft“ darf nicht unter den „Schwachen“ leiden.

Diese Sichtweise hat es in der Corona-Pandemie in die großen Medien geschafft, wurde von Menschen in der Mitte aufgegriffen. So wurde zum Beispiel darüber gesprochen, ob es gerechtfertigt sei, jetzt Menschen zu retten, die doch bald sterben würden.

„Ganz wie im offen rechtsextremen Denken ist kein Platz für Nuancierung, die Starken leben, die Schwachen sterben. Abgesehen von der Abkanzelung des Lebens von älteren Menschen, bleibt kein Raum für die Tatsache, dass diese Krankheit für junge Menschen auch kein Spaß ist. Vielmehr glaubt man an die eigene Unbesiegbarkeit. (…) Es ist allerdings bedenklich, wenn diese Rolle von Menschen und Medien angenommen wird, die bisher keinerlei Berührungspunkte hatten und diese rechtsextremen Ideologeme nun einem größeren Publikum zugänglich machen.

Es bleibt die Frage, nach wem sich eine demokratische Gesellschaft auszurichten hat: Nach den Bedürfnissen der Schwachen oder denen der Starken? Die Antwort darauf macht den Unterschied zwischen Demokratie und Faschismus aus.“

Hat die Pandemie uns verhärtet? Die Ideologie des Kollateralschadens

Thomas Ebermann und Paul Schuberth schreiben über Die Ideologie des Kollateralschadens und werfen dabei den Begriff der „Selbstverhärtung“ in den Raum: Damit wir in unserer Gesellschaft leben können, müssen wir unser Herz verhärten. Dies geschah besonders während der ersten Jahre der Pandemie. Sie nehmen die Linke, die sich ja für die Verbesserung von Lebenssituationen einsetzt, hierbei nicht aus.

Und fragen sich, ob ein Teil der Kritik an den Hygieneschutzmaßnahmen – auch von linker Seite – nicht eigentlich vorgeschoben war. Ging es in der Kritik wirklich darum, die Situation für Kinder, Frauen, ärmere Schichten zu verbessern? Oder kam ein Großteil der linken Kritik, weil man sich an die eigenen Freiheiten klammerte und dafür das Sterbenlassen in Kauf nahm und nimmt?

Wir kommen ja immer wieder zu der Frage: Was ist immer vorhanden, und was haben wir in zugespitzter Form während dieser Pandemie beobachten müssen? Ich glaube z.B., dass so ein Gedanke wie ›die Alten sollen mir nicht im Weg stehen bei meinem Vergnügen‹ allgegenwärtig ist. Die vielen rhetorischen Übungen zum Thema: ›können denn 90 Prozent zum Verzicht gezwungen werden, wenn nur zehn Prozent gefährdet sind‹ ,sind natürlich eine mörderische Zuspitzung.

Und noch viele weitere Stimmen

Unter anderem schreibt Peer Heinelt darüber, wie wir durch unsere Art der Landwirtschaft und Tierhaltung Zoonosen und letztlich Seuchen produzieren.

Der US-amerikanischen Evolutionsbiologen, Epidemiologe und Autor Rob Wallace spricht in einem Interview über die Situation in den USA. Er ist der Meinung „Wir treiben unseren eigenen Zusammenbruch voran“.

Die beiden letzten Beiträge – im Abschnitt „Möglichkeiten“ – zeigen Lösungswege auf. Lösungen, die die Pandemie nicht nur gesellschaftlich, sondern tatsächlich beenden können. Zumindest könnten diese Lösungen das Virus so eindämmen, dass ein nur minimales Infektionsrisiko besteht: durch Lufthygiene und solidarische Maßnahmen.

Eva Hottenroth schreibt in ihrem Beitrag „Luft, mehr Luft, mehr gesunde Luft“, dass CO2-Messgeräte und Luftfilter dazu beitragen können, die Virenlast in unserer Atemluft zu senken und endet mit einer Forderung:

„Die Verankerung von Qualitätsparametern für Luft in der öffentlichen Wahrnehmung ist dringend notwendig. Weltweit haben sich dafür Gruppen wie die IGÖ gegründet – z. B. das John Snow Project, in Frankreich Nous aérons, in Deutschland DAGL usw.

Saubere Luft in den Innenräumen ist besser für alle und nicht nur das: Sie ist auch ein Menschenrecht.“

Das Buch endet mit einer Checkliste „für einen solidarischen Umgang mit der Pandemie“, die Christian Bunke liefert: Was können tun, um Awareness für die Situation von Menschen zu schaffen, die sich weiterhin schützen müssen und wollen (!).

Mein Fazit

Endlich ein Buch, das sich damit auseinandersetzt, wie wir mit der Pandemie umgehen – oder eben nicht damit umgehen. Es enthält viele spannende Denkansätze. Alle, für die die Pandemie eben noch nicht vorbei ist, werden einige interessante Artikel für sich finden.

Eine Schwachstelle hat das Buch jedoch für mich: Jeder Autor, jede Autorin hat eine eigene Schreibstimme. Trotzdem hätte es an manchen Stellen gut getan, wenn das Lektorat etwas mehr Verständlichkeit in den Text gebracht hätte; Sätze vereinfacht, Absätze gesetzt hätte. So obliegt es den Leserinnen und Lesern an manchen Stellen, komplizierte Formulierungen für sich aufzulösen, um dem Gedankengang des Schreibenden zu folgen.

Alles in allem aber ein lange überfälliges Buch, mit einer klaren Kaufempfehlung von mir.

Ich hoffe, viele weitere Bücher, die sich mit den gesellschaftlichen Folgen der Pandemie und des Verdrängens der Pandemie auseinandersetzen, werden folgen.

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